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Die politische Wochenschau
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vom 10. bis 16. Juli 2004
| Schlagzeilen der Woche   zusammengestellt von Christian Klee  |
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| Zitat der Woche: |
| "Nur
ein nicht gefĂŒhrter Kampf ist ein verlorener." |
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Christos Tsigaridis |
Ăltere Arbeitnehmer und Menschen mit geringer Berufsqualifikation sind die Verlierer am deutschen Arbeitsmarkt. Auch im internationalen Vergleich sind diese Gruppen hierzulande besonders benachteiligt. Das zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung mit dem Titel "Benchmarking Deutschland: Arbeitsmarkt und BeschĂ€ftigung 2004". Zum zweiten Mal nach 2001 untersuchte die Stiftung den Arbeitsmarkt und die darauf einwirkenden Politikbereiche. In der umfassenden Analyse wird der Wirtschafts- und Sozialstandort Deutschland anhand von 160 Kriterien mit 14 europĂ€ischen LĂ€ndern sowie den USA, Kanada, Australien, Neuseeland und Japan verglichen. "Die Ergebnisse unserer Studie belegen, dass die eingeleiteten Reformen auf dem Arbeitsmarkt sowie in der Sozial- und Steuerpolitik bislang kaum zum Abbau bestehender Strukturdefizite beitragen konnten." Vielmehr hat die konjunkturelle SchwĂ€chephase seit Ende 2001 die strukturellen Probleme am Arbeitsmarkt noch deutlicher werden lassen. Darunter habe auch die Entwicklung des Wohlstandes in der BRD gelitten. Klartext: Bedingt durch die dramatischen StrukturmĂ€ngel der bundesrepublikanischen Wirtschaftsstruktur steigt die Massenarmut immer weiter an. Besonders dramatisch sieht die BeschĂ€ftigungssituation Ă€lterer Arbeitnehmer (55 bis 64 Jahre) aus: In dieser Gruppe war im Jahr 2002 jeder Zehnte arbeitslos; in den beschĂ€ftigungspolitisch besonders erfolgreichen LĂ€ndern USA, GroĂbritannien und der Schweiz lag die Quote dagegen lediglich zwischen 2 und 4 %. Auch bei der Erwerbsbeteiligung der Ălteren schneidet die BRD schlecht ab: Nur 43 % dieser Altersgruppe bieten ihre Arbeitskraft ĂŒberhaupt noch an. In Schweden und der Schweiz sind hingegen mehr als zwei Drittel der Ă€lteren Menschen berufstĂ€tig. Bei der Situation Geringqualifizierter ergibt sich ein Ă€hnlich dĂŒsteres Bild: Mit einer Arbeitslosenquote von 13,5 % liegt die BRD international auf einem negativen Spitzenplatz. Dass diese Personengruppe am Arbeitsmarkt nicht auf der Strecke bleiben muss, zeigen die Schweiz, Norwegen und die Niederlande, wo die entsprechenden Quoten lediglich zwischen 3 und 5 % liegen. Auch bei der Erwerbsbeteiligung von Geringqualifizierten sieht es nicht gut aus: nur 60 % sind am Arbeitsmarkt aktiv; in Japan, Schweden und der Schweiz liegt die Quote bei ĂŒber 70 %. Wie gering derzeit die Chancen sind, eine neue BeschĂ€ftigung zu finden, zeigt sich an der hohen Zahl der Langzeitarbeitslosen: Nahezu jeder zweite Arbeitslose ist bereits lĂ€nger als ein Jahr ohne Job. Vor Italien und Belgien liegt die BRD hier auf dem drittletzten Platz. Hingegen ist in Ăsterreich und DĂ€nemark nur jeder FĂŒnfte langzeitarbeitslos. Mit einem Anteil von weniger als 10 % spielt Langzeitarbeitslosigkeit in den USA, Kanada und Norwegen kaum eine Rolle.
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Nordirland erlebte den Höhepunkt der marching season mit UmzĂŒgen des Orange Order in 18 StĂ€dten. Viele der 100.000 Teilnehmer waren aus Schottland angereist. In Belfast schlossen die meisten GeschĂ€fte wohlweislich, da es in den vergangenen Jahren immer wieder zu schweren Unruhen kam, als die protestantische Bevölkerungsgruppe an den Sieg ĂŒber die Katholiken anno 1690 erinnerte. Unter dem Schutz von 800 Polizisten und Soldaten marschierten Tausende von Orangisten und Loyalisten ausgerechnet durch das erzrepublikanische Problemviertel Ardoyne in North Belfast. Das Resultat waren schwere ZusammenstöĂe - Tausende von Katholiken attackierten die zum Schutz der protestantischen Provokateure eingesetzten SicherheitskrĂ€fte. Nur das Eingreifen eines IRA-Kommandos bewahrte eine Gruppe britischer Soldaten davor, entweder von der aufgebrachten Menge buchstĂ€blich gelyncht zu werden oder das Feuer zu eröffnen. Umgekehrt gelang es den Republikanern, bei den Krawallen modernstes MilitĂ€rgerĂ€t zu erbeuten, darunter GerĂ€tschaften zur BombenentschĂ€rfung, die sicherlich die geneigte Aufmerksamkeit der IRA-Spezialisten finden werden. Das Resultat waren 25 verletzte Polizeibeamte und schwere SachschĂ€den. Krawalle gab es auch in Antrim, Greysteel und Lurgan, als katholische Randalierer Marschteilnehmer angriffen. Die US-Regierung hat mittlerweile die nicht im Waffenstillstand befindliche Continuity IRA und die mit ihr verbundene Partei Republican Sinn FĂ©in auf ihre Terrorliste gesetzt. Nahe Newry wurde die Leiche des 44-jĂ€hrigen Sean Haughey, eines bekannten IRA-Aktivisten in den 70er und frĂŒhen 80er Jahren, entdeckt, die Todesursache ist noch unklar.
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Die geplante "Anti-Terror-Datei", in der Daten ĂŒber mutmaĂliche Islamisten zentral gespeichert werden sollen, der beabsichtigte verstĂ€rkte Einsatz von DNA-Analysen sowie das gemeinsame Lagezentrum von Polizei und Geheimdiensten sind erneut auf scharfe Kritik gestoĂen. Die Rote Hilfe bezeichnete die BeschlĂŒsse der Innenministerkonferenz (IMK) als einen Angriff auf zentrale Grundrechte. Dadurch wĂŒrden zentrale BĂŒrgerrechte, die durch die Politik der "Inneren Sicherheitâ und ihre Rechtfertigung durch angeblich drohende TerroranschlĂ€ge in den letzten Jahren ohnehin zunehmend eingeschrĂ€nkt worden seien, weiter demontiert. Es sei - wie bereits in der Vergangenheit - davon auszugehen, dass neue Befugnisse fĂŒr Polizei und Geheimdienste schnell wieder gegen unliebsame politische AktivitĂ€ten eingesetzt wĂŒrden. Mit der zentralen Islamistendatenbank habe der "Kampf gegen den Terror" einen neuen Höhepunkt in seinen BemĂŒhungen zur Abschaffung jeglicher datenschutzrechtlicher Grundvorstellungen gefunden, kritisierte die Rote Hilfe. Auch wenn die Form der Datei noch nicht im Detail feststehe, sei schon jetzt offensichtlich, dass die zunĂ€chst von Niedersachsens Innenminister Uwe SchĂŒnemann (CDU) ins GesprĂ€ch gebrachte Einrichtung die Bewegungsfreiheit und Grundrechte von Nichtdeutschen und Muslimen auf ein Minimum reduzieren werde. Diese Entwicklung werde auch nicht vor anderen politischen Bewegungen Halt machen, prophezeien die Kritiker, so dass die Einrichtung weiterer zentraler Dateien ĂŒber linke Aktivisten nur eine Frage der Zeit sei. "Die zunehmende Vernetzung und daraus resultierende VerfĂŒgbarkeit von Informationen hat - zusammen mit der rapide voranschreitenden Reglementierung bzw. dem Abbau von Versammlungsrechten - bereits dazu gefĂŒhrt, dass politische BetĂ€tigung als solche schon kriminell erscheint.â Potenzielle Demonstrationsteilnehmer mĂŒssen bereits jetzt im Vorfeld mit erheblichen EinschrĂ€nkungen wie Meldeauflagen, Passentzug oder Unterbindungsgewahrsam rechnen. "Im Fall der Anti-Terror-Datei ist wieder einmal davon auszugehen, dass ein in der Ăffentlichkeit angstbesetztes Thema dazu dient, ein neues staatliches Repressionsinstrument einzufĂŒhren, das spĂ€ter gegen linke AktivistInnen zum Einsatz kommt.â Die gleiche Entwicklung war bei den ursprĂŒnglich gegen Hooligans eingefĂŒhrten Ausreiseverboten zu beobachten, die mittlerweile vor jedem Gipfelprotest gegen Globalisierungskritiker zum Einsatz kommen. Ein weiteres Beispiel sei die EinfĂŒhrung von DNA-Analysen, die angesichts von sexualisierter Gewalt und der Ermordung von Kindern die Strafverfolgung von besonders schweren Straftaten erleichtern sollten. Diese BeschrĂ€nkung wurde innerhalb kĂŒrzester Zeit aufgehoben und wird seit Jahren ausgiebig als Waffe gegen politisch Aktive benutzt, ohne dass erwĂ€hnenswerte Delikte vorlĂ€gen. Gerade der Einsatz des genetischen Fingerabdrucks als Mittel staatlicher Repression solle nun auch offiziell ausgeweitet werden. Mit dem geplanten Analyse- und Lagezentrum zu Islamismus, das die ohnehin schon existierende Zusammenarbeit von Polizei, Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst legalisieren und vervielfachen solle, wird bewusst die im Grundgesetz verankerte Trennung von Geheimdiensten und Ermittlungsbehörden aufgehoben. Die ohnehin in den letzten Jahren erweiterten Befugnisse der Ermittlungsbehörden werden mit dem neuen Lagezentrum von ihren letzten EinschrĂ€nkungen befreit: durch den vollstĂ€ndigen Zugriff auf Erkenntnisse der Geheimdienste, die bei ihrer Informationsbeschaffung kaum Restriktionen unterlĂ€gen, erhalte die Polizei genau jene Möglichkeiten, die die aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus resultierende Trennung von Geheimdiensten und Polizei verhindert werden sollte. "Mit dieser neuen Zusammenarbeit ist dem staatlichen Sicherheitswahn ein weiterer Grundsatz zum Opfer gefallen, der das Abrutschen in den Polizeistaat verhindern sollte.â
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Die EU-Kommission hat eine Initiative fĂŒr ein "Informationsnetzwerk" zwischen den nationalen Justizbehörden bei besonders schweren Straftaten angekĂŒndigt, um die Zeit bis zur EinfĂŒhrung eines EuropĂ€ischen Strafregisters zu ĂŒberbrĂŒcken. Ein entsprechender Vorschlag wurde den EU-Justiz- und Innenministern prĂ€sentiert und könnte schon im Herbst beschlossen werden. Der VorstoĂ sieht die Schaffung eines EU-weiten elektronischen Datennetzwerks vor, in dem Angaben zu gefĂ€hrlichen StraftĂ€tern wie KinderschĂ€ndern oder Serienmördern aus allen EU-LĂ€ndern abrufbar wĂ€ren. Die nationalen Behörden sollen verpflichtet werden, die Daten einmal jĂ€hrlich zu aktualisieren. Staatssicherheitsminister Otto Schily bereicherte die polizeistaatliche Debatte mit einem neuen Vorschlag; diesmal ungewöhnlicherweise nicht mit den islamischen Schreckgespenst oder mit âNeonazisâ begrĂŒndet, sondern mit schwerwiegenden Sexualstraftaten. Schily forderte die Einrichtung eines EU-weiten Standards fĂŒr polizeiliche Zugriffe auf die jeweiligen nationalen Gen-Register und Fingerabdruck-Dateien. Die lĂ€stigen bĂŒrokratischen HĂŒrden wie Rechtshilfeersuchen sollen hierfĂŒr kurzerhand abgeschafft werden. Neben den Polizei- und Nachrichtendienststellen sollen offenbar auch die AuslĂ€nderbehörden Zugriffsrechte erhalten.
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Zur erpresserischen Drohung von DaimlerChrysler an die Belegschaft, entweder Tausende von ArbeitsplĂ€tzen abzubauen oder aber LohnkĂŒrzungen durchzusetzen, erklĂ€rte Harald Werner als gewerkschaftspolitischer Sprecher der PDS: âDaimler-Chrysler verlangt von seinen BeschĂ€ftigten in Sindelfingen die Herausgabe von 500 Millionen Euro, andernfalls wĂŒrden am Standort rund 6.000 ArbeitsplĂ€tze vernichtet. Wobei es sich bei der Mercedes-Schmiede in Sindelfingen nicht um ein defizitĂ€res Produktionssegment, sondern um den Dukatenesel des Konzerns handelt. Der Vorstand will die dort erwirtschafteten Profite schlicht um eine halbe Milliarde erhöhen und nicht etwa aus einer Verlustzone herauskommen.â Dabei handele es sich um eine in der deutschen Nachkriegsgeschichte einzigartige Erpressung. âDaimler-Chrysler hat in den vergangenen Jahren viel Kapital in den Sand gesetzt: Erstens durch die Fusion mit Chrysler, dann im Milliardengrab von Mitsubishi und in diversen anderen Finanzabenteuern. Nicht zu vergessen, dass Debakel mit der Lkw-Maut. Das konnte sich der Konzern leisten, weil nicht zuletzt die Sindelfinger Autobauer ĂŒberaus profitabel gearbeitet haben. Und ausgerechnet die sollen jetzt auf eine halbe Milliarde Einkommen verzichten, um die AktionĂ€re bei der Stange zu halten. Seit der gelungenen Erpressung der Siemens-BeschĂ€ftigten in der nordrhein-westfĂ€lischen Handyproduktion scheint es Mode zu werden, nicht nur den BeschĂ€ftigten Not leidender Ostbetriebe Opfer abzuverlangen. Es sieht ganz so aus, als wenn wir wieder einmal an einer Wende stehen. Nach Jahren unternehmerischer Hartleibigkeit in den Tarifverhandlungen, geht es jetzt nicht mehr nur um die Durchsetzung unterdurchschnittlicher Einkommensanpassungen, sondern um direkte Lohnsenkungen - und das dort, wo die höchsten Profite erwirtschaftet werden. Es scheint, dass sich die Bundesrepublik mit Riesenschritten auf den Weg in ein Niedriglohnland begeben soll. Nur gut, dass die Daimler-BeschĂ€ftigten erkannt haben, dass Erpresser fĂŒr gewöhnlich erst richtig aktiv werden, wenn ihre kriminellen AktivitĂ€ten von Erfolg gekrönt sind. Noch besser, dass das auch die Bremer BeschĂ€ftigten erkannten, die ebenfalls die Arbeit niederlegten, obwohl sie das eigentliche Druckmittel des Erpresser sind. Bei aller gegenwĂ€rtigen SchwĂ€che der Gewerkschaften begrĂŒndet diese SolidaritĂ€t Hoffnungen, weil sie die einzige Möglichkeit zur Wahrung sozialstaatlicher GrundsĂ€tze ist, solange sich kein Gesetzgeber findet, der die Verlagerung profitabler ArbeitsplĂ€tze zum Beispiel mit der RĂŒckzahlungspflicht von Subventionen ahndet.â
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BundesauĂenminister Joseph Fischer suchte den Sudan heim und erhöhte den Druck auf die Regierung in Khartum. Bekanntlich tobt in der sudanesischen Westprovinz Darfur ein brutaler BĂŒrgerkrieg zwischen schwarzen Rebellen und den arabischen Janjaweed-Milizen. Bislang gab es mindestens 30.000 Tote und 1 Million FlĂŒchtlinge, 2 Millionen Menschen sind auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Fataler weise fliehen Hunderttausende in den benachbarten, bettelarmen Tschad, was wiederum nach dem Vorbild des Kongo dortige Stammesfehden anheizen könnte. Oberst Gaddafi dĂŒrfte eine solche Entwicklung nicht ungern sehen, denn es gibt ungeklĂ€rte Grenzfragen zwischen beiden Staaten. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass es hier um einen Ă€lteren Konflikt zwischen seit der DĂŒrrekatastrophe in der Sahelzone nach Darfur ausweichenden arabisierten NomadenstĂ€mmen und der schwarzen Bevölkerung geht. Die Eskalation begann 2003, und zwar mit dem Aufstand der schwarzen StĂ€mme gegen die Zentralregierung, die mit der UnterstĂŒtzung der von Nomaden und Freiwilligen gebildeten Janjaweed-Milizen begann. Anderthalb Jahre lang interessierte sich niemand fĂŒr den Konflikt, doch nun fordern Washington, London und Berlin unisono die Entwaffnung der arabischen Milizen, nicht etwa der schwarzen Rebellen. Im Weigerungsfall sind Wirtschaftssanktionen das Minimum. Hier liegt - vor allem durch die BRD! - eine klassische einseitige Schuldzuweisung vor, kombiniert mit dem Feindbild des âbösen Arabersâ. Die Rebellen sind unabhĂ€ngigen Presseberichten zufolge auch nicht gerade zimperlich gegenĂŒber der arabischen Siedlungskonkurrenz vorgegangen, aber wie wir aus PalĂ€stina und dem Irak wissen, sind arabische Menschenleben wertlos. Westliche Politiker sehen im Darfur-Konflikt eine Möglichkeit zur militĂ€rischen Intervention in einem wichtigen Erdölstaat. Der Sudan fördert 250.000 Barrel pro Tag, und diese Förderung wird sich dank neuer Erdölkonzessionen verdoppeln. Mehrere US-Ălkonzerne sind an den Feldern interessiert und ĂŒben seit Ende der 90er Jahre entsprechenden Druck auf Washington aus. Der US-Kongress hat Bush bereits zu einer MilitĂ€rintervention, notfalls ohne Mandat des UN-Sicherheitsrates, ermĂ€chtigt. GroĂbritannien spricht von seiner moralischen Verantwortung fĂŒr das ehemalige britisch-Ă€gyptische Kondominium und ist bereit, bis zu 5000 Mann Interventionstruppen zur UnterstĂŒtzung eines afrikanischen âFriedenskontingentesâ zu schicken. Im Sudan hat auch die BRD Wirtschaftsinteressen, beispielsweise baut ein bundesdeutsches Konsortium an einer 3000-Kilometer-Bahnlinie, die Kenia und Uganda mit dem sĂŒdsudanesischen Ălgebiet verbinden wird. Auf der Auftragsliste von BRD-Konzernen stehen neben umfangreichen Verkehrs- auch Kraftwerksprojekte. Sudanesischen Quellen zufolge sind bundesrepublikanische Stellen ĂŒbrigens in die Versorgung der Darfur-Rebellen mit Waffen und Kriegsmaterial verwickelt. Bundesdeutsche Politiker wie Kerstin MĂŒller, Gerhart Baum und Heidemarie Wieczorek-Zeul treten seit Ende vergangenen Jahres mehr oder weniger offen fĂŒr eine bewaffnete Intervention ein, um die bei einem Auseinanderbrechen des Sudan gefĂ€hrdeten Kapitalinteressen zu sichern. Mit einem solchen Schritt ist spĂ€testens Ende 2004 zu rechnen, da mehrere Waffenstillstandsabkommen scheiterten - die UNO haben sich bereits um Truppenentsendung an Australien gewandt. Die sudanesische Regierung warnte nachdrĂŒcklich vor einer Intervention und wies auf die ZustĂ€nde im Irak hin. Gegen das Eindringen fremder Truppen werde man sich zu wehren wissen. Ohne humanitĂ€re VerbrĂ€mung wĂŒrde es sich bei einer Intervention zu offensichtlich um ein weiteres imperialistisches Abenteuer handeln.
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Eine Sudetendeutsche Initiative (SDI) hat zusammen mit in der
BRD und Ăsterreich lebenden Heimatvertriebenen die Tschechische Republik
vor dem EuropĂ€ischen Gerichtshof fĂŒr Menschenrechte in StraĂburg
verklagt. Das Ziel ist die RĂŒckgabe des nach 1945 auf Grund der umstrittenen
Benesch-Dekrete konfiszierten Eigentums beziehungsweise eine finanzielle EntschÀdigung.
Die SDI kann nach zweijÀhriger AktivitÀt nunmehr ihren ersten Erfolg
verbuchen: StraĂburg teilte mit, der Gerichtshof habe 79 Beschwerden âbestĂ€tigt
und registriertâ. Rechtsanwalt Thomas Gertner als Klagevertreter will
vom Gericht feststellen lassen, dass die tschechische Regierung in der Eigentumsfrage
gegen Artikel 1 des ersten Zusatzprotokolls zur EuropÀischen Menschenrechtskonvention
(EMRK) sowie gegen das Diskriminierungsverbot des Artikels 14 verstöĂt.
Seit dem EU-Beitritt Tschechiens am 1. Mai melden sich immer mehr Sudetendeutsche
bei der SDI in Königstein: "Wir haben inzwischen deutlich mehr
als 100 neue Interessenten. Wir rechnen damit, dass 90 bis 95 Prozent mitmachen."
Unter den KlÀgern sind Landwirte, Ex-Immobilienbesitzer, Eigner von Sanatorien
in den westböhmischen KurbÀdern und Industrielle. Der Bundesverband
der Sudetendeutschen Landsmannschaft gibt sich abwartend und möchte sich
mit der Initiative nicht identifizieren. Indes erlaubt er der "Initiative",
Anzeigen zu schalten: "Sudetendeutsche! Eigentum ist Menschenrecht!
Fordert euer rechtmĂ€Ăiges Eigentum ein. Wir helfen euch!"
Eigentum ist ein Individualrecht. Nur individualrechtlich lÀsst es sich
einfordern. Umgekehrt kann auch nur der EigentĂŒmer darauf verzichten, aber
kein Staat und keine gesellschaftliche Gruppe.
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BDI-PrĂ€sident Rogowski forderte dieser Tage vehement ArbeitszeitverlĂ€ngerung und Urlaubsverzicht; als BegrĂŒndung musste die niedrige Umsatzrendite der bundesdeutschen Industrie herhalten. Hierbei handelt es sich um eine Dreistigkeit ohnegleichen: Nach ĂŒbereinstimmenden Angaben verschiedener Quellen, einschlieĂlich des Bundesamts fĂŒr Statistik, betrugen die Unternehmensgewinne, zu denen in erheblichen MaĂe die Industrie gehört, im Jahre 2002 441 Milliarden Euro und in 2003 438 Milliarden Euro, und damit 58 Milliarden Euro mehr als 1997. Der Siemens-Konzern, der gerade mittels Erpressung ArbeitszeitverlĂ€ngerung und damit Lohnverzicht durchsetzte, steigerte 2003 bei einem Umsatzeinbruch von 11,6 Prozent seine Gewinne um 47,2 %! Auch BASF steigerte im âKrisenjahrâ 2003 die Profite um 3,9 %. In 2003 zahlten die Kapitelgesellschaften fĂŒr ihre 220 Milliarden Euro Gewinn ganze 25 Milliarden Euro Steuern, also 11 %. Dabei gehen Fachleute davon aus, dass nur 25 % des ökonomischen Gewinns als zu versteuerndes Einkommen gemeldet werden. WĂ€hrend die Reallöhne des durchschnittlichen Arbeitnehmers zwischen 1991 und 2002 um 4 % fielen, steigerten sich die VorstandsbezĂŒge der 30 DAX-Unternehmen (ohne Aktienoptionen!) um 148 %. Wer hier von geringen UmsĂ€tzen und mangelnder WettbewerbsfĂ€higkeit spricht, hat Nerven.
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Einem Bericht des Deutschen Bankenverbandes nach geht es den Deutschen so gut wie nie zuvor: Ihr privates Geldvermögen ist um rund 5 % auf 3,9 Billionen Euro gestiegen. Hinterfragt man diese Feststellung, so ist zunĂ€chst zu bemerken, dass 1998 das alleine Ă€rmste FĂŒnftel der Westdeutschen im Schnitt mit 2000 Euro pro Kopf verschuldet war, wĂ€hrend das reichste FĂŒnftel ĂŒber 400.000 Euro verfĂŒgen könnte. Dieses VerhĂ€ltnis wird sich in den darauf folgenden Jahren nicht gerade zum Besseren gewandelt haben. Dem Bankhaus Merrill Lynch zufolge befinden sich 60 % des privaten Geldvermögens in der BRD in der Hand von einem Prozent der Bevölkerung, wobei die steuersicher im Ausland angelegten mehrstelligen MilliardenbetrĂ€ge nicht einmal berĂŒcksichtig sind. Dieses eine Prozent könnte mit der HĂ€lfte seines Vermögens die gesamten Schulden der BRD tilgen und wĂ€re noch immer auf dem Status eines MultimillionĂ€rs.
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Die in Brandenburg lebenden Sorben werden erstmals ĂŒberhaupt bei einer Landtagswahl mit einer eigenen Partei, der WeiĂen Liga, antreten. Wird sie vom Wahlausschuss als Vertretung der nationalen Minderheit anerkannt, ist ihr Einzug in den Landtag fast gesichert, denn fĂŒr solche Gruppierungen ist laut Landesverfassung die Sperrklausel auĂer Kraft gesetzt. In ihrem Wahlprogramm fordert die Liga unter anderem die Zusammenfassung der gesamten Niederlausitz zu einer zweisprachigen regionalen Einheit. WĂ€hrend in Sachsen das sorbische Siedlungsgebiet in der sĂ€chsischen Lausitz gesetzlich festgelegt ist, es also einen klar definierten Minderheitenstatus gibt, ist die Lage der Sorben in Brandenburg problematischer. Die Landesverfassung kennt nur das freiwillige Bekenntnis einer Gemeinde zum Sorbentum, und das auch nur unter Voraussetzungen. Seit 50 Jahren muss in einer Gemeinde Sorbisch gesprochen oder auf Sorbisch gepredigt worden sein. Das sorbische Siedlungsgebiet ist nicht gesetzlich festgelegt. Zudem ist das Bekenntnis zum Sorbentum ist mit zusĂ€tzlichen Kosten verbunden (zweisprachige Beschilderung und Verwaltung sowie Sorbischunterricht), also können zahlreiche Gemeinden sich dieses nicht leisten. In der BRD leben etwa 60.000 der westslawischen Sorben, die sich vor rund 1500 Jahren zwischen dem Spreewald und der heutigen tschechischen Grenze ansiedelten. In Brandenburg gibt es etwa 20 000 Sorben, die meist als Wenden bezeichnet werden, in Sachsen sind es rund 40 000. In der Mark haben sich 51 Kommunen dazu bekannt, zum sorbischen Siedlungsgebiet zu gehören.
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Zum neuesten
Vorschlag des berĂŒchtigten âSozialexpertenâ Bert RĂŒrup
zur EinfĂŒhrung einer monatlichen Gesundheitspauschale erklĂ€rte Torsten
Koplin als sozialpolitischer Sprecher des PDS-Parteivorstandes: âDie
neueste Variation des "Totalumbaus der Gesetzlichen Krankenversicherung",
die Prof. RĂŒrup - bemerkenswerter weise im Auftrag der Privaten Versicherer
- kundtat, besteht darin, dass jeder Erwachsene eine monatliche Gesundheitspauschale
von 169,- und der Staat fĂŒr jedes Kind 78,- bezahlt. Niedrigverdiener erhalten
einen staatlichen Zuschuss. Zur Finanzierung der KinderbeitrÀge und der
ZuschĂŒsse fĂŒr Niedrigverdiener schlĂ€gt Herr RĂŒrup vor, entweder
den SolidaritÀtszuschlag von 5,5% auf 17,4% oder die Mehrwertsteuer von
16 auf 18,5% zu erhöhen. Wenn es nicht ĂŒber Steuern gehen soll, schlĂ€gt
er als dritte Möglichkeit vor, zur individuellen Pauschale einen Krankenkassenbeitrag
von 2,9 % vom Bruttoeinkommen zu erheben. Das sei "ein ökonomisch
begrĂŒndeter Weg zu einer Finanzierungsreform des Gesundheitswesens".
Die Abkopplung der GKV-BeitrĂ€ge vom Einkommen vertieft in erheblichem MaĂe
die schon bestehende soziale Ungerechtigkeit, denn der Busfahrer und die VerkÀuferin
bezahlen soviel wie der GeschĂ€ftsfĂŒhrer und der Professor. Die steuerliche
Finanzierung eines Ausgleichs fĂŒr Geringverdiener ist eine weitere Variante,
dem "kleinen Mann" tiefer in die Tasche zu greifen. Welchen volkswirtschaftlichen
Sinn soll eigentlich die enorme Erhöhung des Soli-Zuschlages haben? Sie
bewirkt einen Kaufkraftverlust und somit in direkter Weise eine SchÀdigung
der Binnenkonjunktur. All das Gerede von den Effekten aus sinkenden Lohnnebenkosten
kann sich Prof. RĂŒrup somit sparen. Es sei denn, er sagt, worum es wirklich
geht: Die Seite des Kapitals wird geschont. SchlieĂlich lĂ€sst die
dritte Variante die Ausgabendynamik der Kassen völlig unberĂŒcksichtigt
und die jetzigen 2,9 % könnten sich ganz schnell als Anfang einer neuen
Preis-Spirale erweisen.
Insofern brĂ€chten Herrn RĂŒrups VorschlĂ€ge nur eine Mehrbelastung
der kleinen Leute und das Gesundheitssystem in eine Sackgasse der Finanzierung.
Von dem einfachen GerechtigkeitsverstÀndnis, wonach starke Schultern mehr
tragen sollen als schwache, ist dieser Vorschlag weit entfernt.â
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Wie in der Vorwoche berichtet, fĂŒhrt die EU-Osterweiterung nicht nur zur Verlagerung von ArbeitsplĂ€tzen aus der BRD in die BeitrittslĂ€nder, sondern auch zur AusplĂŒnderung der osteuropĂ€ischen AgrarmĂ€rkte durch bundesrepublikanische Lebensmittelkonzerne. In Polen legten die Preise fĂŒr Grundnahrungsmittel binnen zweier Monate um 40 % zu, was vor allem die am Rande des Existenzminimums dahinvegetierenden stĂ€dtischen und lĂ€ndlichen Unterschichten empfindlich trifft. Der Raubzug des westdeutschen Globalisierungskapitals macht sich auch in Tschechien und der Slowakei bemerkbar. In Tschechien ĂŒberbieten BRD-Konzerne die einheimischen Unternehmen und sichern sich so die Agrarproduktion, die auf dem bundesdeutschen Inlandsmarkt gewinnbringend weiterverarbeitet und abgesetzt wird. Hier mangelt es bereits an Milch, wĂ€hrend aus der Slowakei eine Unterversorgung mit Butter gemeldet wird. Die geschilderten Strukturen etablieren sich auch auf den osteuropĂ€ischen MĂ€rkten fĂŒr Schweine- und Rindfleisch. Bislang wurden in den BeitrittslĂ€ndern die geringen DurchschnittsgehĂ€lter von rund 500 Euro im Monat noch durch die niedrigen Lebensmittelpreise teilweise ausgeglichen, aber nun werden die osteuropĂ€ischen Unterklassen durch die EU-Osterweiterung ins Mark getroffen.
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Nach jahrelanger Suche ging der international gesuchte Wirtschaftskriminelle Holger Pfahls in Paris der französischen Polizei und einem Zielfahndungskommando des BKA ins Netz. Pfahls wird seit 1999 wegen Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung gesucht, und zwar wegen des berĂŒchtigten PanzergeschĂ€ftes mit Saudi-Arabien. Holger Pfahls, ehemaliges CSU-Mitglied, ist ein politisches Ziehkind des hochgradig korrupten bayerischen Landesvaters Franz-Josef StrauĂ. Der ehemalige Staatsanwalt fungierte als BĂŒroleiter von StrauĂ als Kontaktmann zu Wirtschaftslobbyisten aller Art. Zur Belohnung avancierte er 1985 zum PrĂ€sidenten des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz, ehe er StaatssekretĂ€r im Verteidigungsministerium wurde. In dieser Rolle fĂ€delte er 1991 - zusammen mit JĂŒrgen Möllemann - maĂgeblich den Export von 36 ABC-SpĂŒrpanzern nach Saudi-Arabien ein und strich aus der Kasse des RĂŒstungslobbyisten Karlheinz Schreiber 2 Millionen Euro Schmiergeld ein. Pfahls ist hierbei jedoch eher ein kleiner Fisch, denn damals flossen 220 Millionen Euro aus dem Thyssen-Konzern in dunkle KanĂ€le. Es besteht der begrĂŒndete Verdacht, dass ein Teil der Summe zur illegalen Parteienfinanzierung der CDU durch Don Kohleone, den Paten von Oggersheim, verwendet wurde. Via Möllemann kassierte auch die FDP ihren Anteil ab. FĂŒr Beteiligung an den AktivitĂ€ten Schreibers erhielt Max-Josef StrauĂ ĂŒbrigens in dieser Woche 3 Jahre und 3 Monate Knast ohne BewĂ€hrung. Pfahls war auch in die Leuna-AffĂ€re verwickelt und lieĂ sich die Geltendmachung seines Einflusses vom französischen Elf-Konzern mit 8 Millionen Euro bezahlen. Danach schied er aus dem Staatsdienst aus und diente dem Daimler-Konzern als Chef der Ostasienvertretung. Vor Erlassung eines internationalen Haftbefehls tauchte der von bundesdeutschen Justiz- oder Geheimdienstkreisen gewarnte Pfahls im MĂ€rz 1999 unter, wobei ihm seine exzellenten Nachrichtendienstverbindungen (u.a. zum taiwanesischen Geheimdienst, einem alten Partner des BND) hilfreich waren. Im Falle einer Auslieferung wird Holger Pfahls das - bislang - erste ehemalige Mitglied einer Bundesregierung sein, das in Untersuchungshaft sitzt. Die Ăberstellung an die BRD dĂŒrfte sich verzögern, denn die französischen Behörden betrachten Pfahls neben Dieter Holzer als SchlĂŒsselfigur der Leuna-AffĂ€re - wegen der hierzulande nicht einmal ein Hauptverfahren eingeleitet wurde, obwohl Bestechungsgelder in Höhe von 40 Millionen Euro geflossen sind.
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Die Rolle der Medien im politischen Alltag der BRD stand im Mittelpunkt einer Tagung, zu der das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), das Institut âberlinpolisâ und die Robert-Bosch-Stiftung in Berlin eingeladen hatten. Die Medien hĂ€tten ihre Rolle als Mittler lĂ€ngst aufgegeben und seien zum ânichtlegitimierten politischen Akteurâ geworden, beklagte Elmar Wiesendahl, Parteienforscher an der Bundeswehr-UniversitĂ€t MĂŒnchen. Mit ihrer personalisierten Politikberichterstattung beförderten sie âTelepolitikerâ, wĂ€hrend die Parteien als Mitgliederorganisationen keine Rolle spielten. Ulrich Sarcinelli, Medienwissenschaftler an der UniversitĂ€t Koblenz, sprach von einem âsymbiotischen VerhĂ€ltnis von Politik und Medienâ. âDer eine braucht Ăffentlichkeit, der andere die Information.â Die Entwicklung fĂŒhre dazu, dass die Gremien der Parteien und ihre mittleren FĂŒhrungsschichten immer weniger eine Rolle spielen. Die fĂŒhrenden Politiker wĂŒrden sich zunehmend ĂŒber die Medien Zustimmung holen und legitimieren lassen. Die Parteispitzen seien daher nichts weiter als âpolitische Verkaufsorganisationenâ. Wiesendahl konstatierte eine politische VertretungslĂŒcke, da die Parteien in der Bundesrepublik âgroĂe Teile der sozialen Unterschichten ausschlieĂenâ wĂŒrden.
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AnlÀsslich
des Konfliktes um ArbeitszeitverlÀngerung und Lohnabbau bei DaimlerChrysler
bemerkte die Onlinezeitung RBI Aktuell sehr treffend: âEs herrscht Klassenkampfâ:
âZwischen 60 und 80.000 der 160.000 BeschĂ€ftigten beteiligten
sich am Widerstand gegen die PlÀne des Konzerns, VerschÀrfungen bei
den Arbeitsbedingungen in Deutschland als Norm durchzusetzen. Denn nichts anderes
wĂŒrde eine Umsetzung der SparbeschlĂŒsse von 500 Millionen Euro bei
dem profitablen Unternehmen bedeuten. Die Daimler Chrysler-Spitze hatte damit
gedroht, bis zu 6000 ArbeitsplÀtze aus dem jetzigen Werk in Sindelfingen
teilweise nach Bremen, teilweise nach SĂŒdafrika auszulagern.
Nach Ansicht des Betriebsrates, der die Proteste organisierte, seien die Sparforderungen
reine Erpressung. Man habe bereits Einsparungen bei den Personalkosten in Höhe
von 200 Millionen Euro angeboten. Eine halbe Milliarde sei jedoch völlig
ausgeschlossen. So will der Konzern etwa die Zulage zur SpÀtschicht streichen
und die bisherigen, bereits als Ăberstunde geltende, Pause abschaffen.
FĂŒr die Arbeitnehmervertreter eine nicht hinzunehmende Zumutung. Die Pause
sei kein Luxus, sondern notwendig fĂŒr den geordneten Produktionsablauf,
so der Betriebsrat.
Die Zumutungen bei Siemens, wie auch bei DaimlerChrysler sind offenbar Teil
einer breit angelegten Offensive des Kapitals zur Lohnsenkung. PĂŒnktlich
zum Aktionstag bei DaimlerChrysler prÀsentierte auch Opel entsprechende
Forderungen. Die Lohnkosten mĂŒssten im zweistelligen Bereich abgebaut werden,
so der stellvertretende Europa-Chef von General Motors, Claus-Peter Forster.
Insgesamt mĂŒssen bei Opel ĂŒber 100 Millionen Euro im Jahr eingespart
werden. Etwa könnten Ăberstunden kĂŒnftig ohne Bezahlung geleistet
werden. Zudem wolle Forster betriebsbedingte KĂŒndigungen nicht ausschlieĂen.
Und dies, obwohl der Konzern ĂŒber keinerlei wirtschaftliche Schwierigkeiten
klagen kann. Wir merken hierzu an, dass die Opel-Belegschaft darĂŒber hinaus
Opfer eines KoppelgeschÀftes geworden ist: General Motors und die US-Regierung
haben der polnischen Regierung den Kauf von Waffen im Wert von 2,9 Milliarden
Euro schmackhaft gemacht. Als Gegenleistung werden Teile der Produktion vom
Stammwerk in RĂŒsselsheim ins polnische Gleiwitz ausgelagert - Segnungen
des grenzĂŒberschreitenden Globalisierungskapitalismus.
Ein Klima der Angst soll sich breit machen, in dem Arbeitnehmer jede neue Zumutung
hinnehmen, um nicht zum Ersatzheer der Erwerbslosen ĂŒberstellt zu werden.
Denn dieses sieht seiner weitgehenden Verelendung entgegen. Die HĂ€lfte
der in Deutschland rund 4,5 Millionen offiziell Arbeitslosen ist dies bereits
ĂŒber ein Jahr und sieht so dem Arbeitslosengeld II entgegen. Es ist kaum
anzunehmen, dass bis zum kommenden Januar mehrere Millionen neuer Stellen entstehen.
Stattdessen stehen die Millionen Arbeitslosen dann als ungewollte LohndrĂŒcker
zur VerfĂŒgung. Denn ALG II-Bezieher mĂŒssen kĂŒnftig jede legale
Arbeit annehmen, unabhÀngig von der Entlohnung.
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) stellte sich in dieser Frage klar
auf die Seite der Unternehmer. Wer in dieser Frage ideologische GrÀben
aushebt, verunsichert die Menschen und schadet damit der Volkswirtschaft, so
Schröder in der Financial Times Deutschland. Er forderte Einigungen auf
betrieblicher Ebene. Auch, wenn es nicht ausgesprochen wurde, bedeutet dies
die Forderung nach faktischer Abschaffung der FlÀchentarife. Fixierungen
auf bestimmten Wochenzahlen bei der Arbeitszeit seien Ideologie. Stattdessen
lobte er jĂŒngst von der IG Metall unterschriebene Ăffnungsklauseln.
(...) Es bleibt abzuwarten, inwieweit es den Mitarbeitern von DaimlerChrysler
tatsÀchlich gelingt, die offenbar abgestimmte Aktion des Kapitals abzuwehren.
Allgemein sollen nun die erkĂ€mpften, teilweise auch aus GrĂŒnden politischer
OpportunitÀt eingerÀumten, Rechte abgebaut und die Arbeitsbedingungen
verschlechtert werden. Verwunderlich ist dies nicht: der Tenor der neoliberalen
Diskussionen geht schon lÀnger dahin, dass Konzernergebnis und den Aktienkurs
zum allein bestimmenden Kriterium zu machen. Globalisierung als Mittel zur Angleichung
der Arbeits- und LohnverhÀltnisse auf dem niedrigsten Niveau.
Siemens war mit seinen Forderungen offenbar der Vorreiter. Nun folgt die Automobilindustrie.
Ein Angriff auf breiter FlÀche, gilt er doch vor allem der IG Metall, die
bislang als die noch relativ kÀmpferische Gewerkschaft galt. Wird sie gebrochen,
ist eine Spirale bis hin zur Sechs-Tage-Woche bei Dumpinglöhnen nur noch
eine Frage der Zeit. Diejenigen, die glaubten, der Klassenkampf sei ein Kapitel
aus den GeschichtsbĂŒchern, haben sich getĂ€uscht. Er ist gerade wieder
ausgebrochen.â
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Lagefeststellung â Beurteilung der Situation â Möglichkeiten des Handelns â Entschluss â Umsetzung â Kontrolle
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